WERKAUSWAHL

Theodor Steinkühler: Portrait der Mitstudentin Emma (Immeke) Catarina Caroline Schwollmann am Bauhaus 1919
Theodor Steinkühler: Portrait der Mitstudentin Emma (Immeke) Catarina Caroline Schwollmann am Bauhaus 1919

David Riedel (Künstlerischer Leiter Peter-August-Böckstiegel-Haus, Werther) im Eröffnungsvortrag zur Ausstellung "Theodor Steinkühler und das frühe Bauhaus" am 25.Juni 2017 im HeinrichNeuyBauhausMuseum in Steinfurt-Borghorst:

 

Von Theodor Steinkühler haben sich rund 170 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken erhalten. Fotos aus der Kriegszeit belegen, dass sein Schaffen umfangreicher gewesen sein muss. Aus den frühen Bielefelder Jahren haben sich dabei kaum Werke erhalten. Steinkühlers künstlerisches Schaffen wurde auch nur selten öffentlich gewürdigt: 1922 fand eine Gedächtnisausstellung mit 30 Werken statt, aus der sechs Werke von der Stadt Bielefeld angekauft und wohl bis 1933 im Trauzimmer der Stadt ausgestellt wurden. Heute sind sie Teil der Sammlung der Kunsthalle Bielefeld. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Steinkühler nur noch im Herbst 1946 Teil der Ausstellung „40 Jahre Bielefelder Kunst“ in der Oetkerhalle und 1983 in der Kunsthalle, im Rahmen der Ausstellung „Kunst in Bielefeld. Malerei und Graphik 1900-1933“.

 

 Er muss schon früh künstlerisches Talent und Interesse gezeigt haben, denn in seinem handgeschriebenen Lebenslauf für die Bewerbung in Weimar berichtet er von einer künstlerischen Ausbildung, die er in einer „Privatlehranstalt“ in Bielefeld neben seiner handwerklichen Lehre absolviert hat. In der Zeit an der Kunsthandwerkerschule entstehen dann ab Oktober 1912 erste Werke, besonders Porträt- und Aktstudien sowie Kreidezeichnungen von Bielefelder und Dornberger Motiven.

 

Theodor Steinkühler: Kohlenzeche in Kirchdornberg, Bielefeld 1913
Theodor Steinkühler: Kohlenzeche in Kirchdornberg, Bielefeld 1913

Wie die anderen Schüler der Godewols-Klasse Peter August Böckstiegel, Hermann Freudenau, Victor Tuxhorn sowie der Bildhauer Erich Lossie scheint auch Steinkühler vor allem ihm vertraute Motive, die Menschen und Landschaften seiner Heimat, darstellen zu wollen. Erhalten sind beispielsweise Zeichnungen und Aquarelle von der Bielefelder Sparrenburg, der Peterskirche in Dornberg, der Schutzhütte an der Schwedenschanze und vom Eingang und den Anlagen der Dornberger Kohlenzeche. Bei den Portraits ist die genaue Wiedergabe des Gesehenen durch das Herausarbeiten von Volumina und exakter Linienführung ein Hauptinteresse des Künstlers, der seine Motive darüber hinaus gekonnt durch Hell-Dunkel-Kontraste modelliert. Auch seine Mutter oder auf dem Feld arbeitende Männer inspirieren ihn zu Studien und Skizzen, viele Blätter sind dabei auf Vorder- und Rückseite bezeichnet.

 

Theodor Steinkühler: Kopfstudie eines Mädchens, Bielefeld 1913
Theodor Steinkühler: Kopfstudie eines Mädchens, Bielefeld 1913

 

Aus der Zeit des Ersten Weltkrieges haben sich nicht nur Tagebuchaufzeichnungen und darin vereinzelte Skizzen erhalten, sondern auch kleinere Zeichnungen und Aquarelle, die die Soldaten beim Kartenspiel oder im Unterstand an der Westfront zeigen: Szenen in kurzen Momenten der Ruhe und Geselligkeit, in denen sich Steinkühler wohlgesonnene Kameraden zeichnen ließen. Nur einmal, in der aquarellierten Zeichnung „Der Tod“ taucht die Bedrohung des Krieges in bedrückender Deutlichkeit auf. Ob diese Zeichnung nach dem Flugzeugabsturz entstanden ist, bei dem Steinkühler schwer verletzt wurde, ist nicht bekannt.

 

Theodor Steinkühler im Unterstand
Theodor Steinkühler im Unterstand

Ganz anders, heroisch und dem Kriegsgeschehen enthoben, wirkt dagegen das Selbstportrait des Künstlers als „Flieger“, das mit dem markigen Motto „Fliegers Leichtsinn, Fliegers Streben, Kühne Arbeit, Kurzes Leben“ unterschrieben ist. Auch die kurze Zeit in Posen nutzt Steinkühler für Zeichnungen und Aquarelle. Neben Portraits haben sich Darstellungen der Umgebung erhalten, in denen immer wieder die Silhouette der Stadt, darunter die charakteristischen Türme des Doms, der ältesten Kathedrale Polens, auftaucht.

 

Theodor Steinkühler: Flieger, Posen/Breslau 1917
Theodor Steinkühler: Flieger, Posen/Breslau 1917

 

Selbst während seines Lazarett-Aufenthalts im Sommer 1918 setzt er künstlerische Tätigkeit wieder in größerem Umfang fort. Im Schaumburger Land und dem Lazarett Stadthagen entstehen mehrere Zeichnungen von Rot-Kreuz-Krankenschwestern und von – der sonst nicht näher bekannten – Else Kappich, die als dunkelhaarige Schönheit nun häufig – als Ölskizze oder Holzschnitt – in Steinkühlers Werk auftaucht und von ihm teils in verträumten Posen als Akt, im Wald oder in barocker Kostümierung im Schloss idealisiert wird.

 

Theodor Steinkühler: Unwillkommenen Störung, Schloss Stadthagen, 1918
Theodor Steinkühler: Unwillkommenen Störung, Schloss Stadthagen, 1918

 

Mit Beginn seiner Studien in Weimar beginnt für Steinkühler erneut eine produktive Zeit. Er begeistert sich für expressionistische Kunst, eine Inspiration, die vor allem in seinen Holzschnitten der Jahre 1919 und 1920 deutlich wird. Die Druckgraphik dieser Jahre – ein Phänomen, wie es auch bei anderen Künstlern der „Bielefelder Moderne“ auftritt – ist, beeinflusst durch die expressionistische Druckgraphik der „Brücke“, von großer Qualität.  Die Namen dieser Künstler tauchen später auch in der Korrespondenz mit seinem Freund Hanns Hoffmann auf: Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein werden gelobt, ebenso Emil Nolde und Paula Modersohn-Becker sowie der am Bauhaus lehrende Gerhard Marcks und der Kokoschka-Schüler Hans Meyboden, den Hoffmann in Weimar kennenlernt. Neben der Druckgrafik entstehen in dieser Zeit aber auch viele beruhigtere und an der realistischen Widergabe des Gesehenen orientierten, in stimmungsvoller Farbigkeit oder Hell-Dunkel ausgeführte Darstellungen von Landschaften oder Portraits.

 

Theodor Steinkühler: Gebirgstal, Weimar 1919
Theodor Steinkühler: Gebirgstal, Weimar 1919

 

In diesem Spannungsfeld entwickelt sich Steinkühler, ähnlich seinen Bielefelder Künstlerfreunden, wobei einige seiner erhaltenen Gemälde die kantige Formensprache des Holzschnitts übernehmen und durch große Farbfelder und -flächen, durch expressive Gesten oder eine geometrisch-kristalline Form erweitern.

 

Theodor Steinkühler: Kartoffelaufleserinnen, Weimar 1919
Theodor Steinkühler: Kartoffelaufleserinnen, Weimar 1919

 

An den Expressionisten Otto Müller erinnern dabei „Die Badenden“, das als letztes Gemälde vor seiner Abreise nach Weimar im Januar 1919 entsteht. (Abb. s. Startseite).

 

Steinkühlers Beeinflussung durch die Weimarer Professoren ist zu dieser Zeit nur schwer greifbar, noch weniger die später berühmt gewordene Formensprache des Bauhauses. In Weimar entstehen vor allem Landschaftsdarstellungen als Ölstudien „vor dem Motiv“, hauptsächlich im Ilmtal. Hier muss Steinkühler die Natur als seine größte Inspiration (wieder)entdeckt haben: Neben realistisch anmutenden Zeichnungen in schwarz-weiß entstehen auch farbige Kreidezeichnungen, in denen die Landschaft fast auf geometrische Flächen reduziert wird.

 

Theodor Steinkühler: Bachlauf im Walde, Weimar 1919
Theodor Steinkühler: Bachlauf im Walde, Weimar 1919

 

Auch religiöse Motive sind zu dieser Zeit am Bauhaus nicht ungewöhnlich, so schmückt das Deckblatt der zweiten Ausgabe der nur im Mai und Juni 1919 erschienenen Zeitschrift „Der Austausch“, laut Untertitel „Veröffentlichungen der Studierenden am Staatlichen Bauhaus zu Weimar“, der Holzschnitt „Der lehrende Christus unter den Jüngern“ von Hans Groß.

 

Theodor Steinkühler: Christus und die Sünderin, Weimar 1919
Theodor Steinkühler: Christus und die Sünderin, Weimar 1919

 

Ähnlich expressiv in der Formensprache, auf kleinem Format mit dem harten Gegensatz zwischen Hell und Dunkel arbeitend und im Gegensatz zu früheren Arbeiten erstaunlich modern sind die 1919 und 1920 entstehenden Holzschnitte: „Mann und Frau (umschlungen)“ und „Gebet zum Himmel“ zeigen die rohe Behandlung des Holzstocks mit den Werkzeugen des Künstlers und verbergen darin kaum die harte körperliche Arbeit, die zu diesen Grafiken führt. Die Formen sind zwar flächig und reduziert, aber nicht scharfkantig geschnitten, sie laufen unregelmäßig aus. Ganz anders arbeitet Steinkühler bei den im Mai 1920 entstandenen „Zwei Nonnen“ und „Christus und die Sünderin“. Bei diesem Blatt scheinen Lichtstrahlen von dem mittig gesetzten, knienden Christus auszugehen, der vor einer dunklen Wand aus Jüngern die Sünderin mit gesenktem Kopf segnet. Steinkühler betont in diesem Blatt deutlich die kantig-diagonalen, sich oftmals kreuzenden Formen, die Konzentration auf eine klare Komposition wie bei den „Drei Lebensaltern“ von 1920 erreicht er aber nicht: Dort begegnen sich drei Frauen auf der Form eines griechischen Kreuzes, während im Vordergrund des Blattes der personifizierte Tod mit einer großen Sense in der einen und einer stilisierten Ähre in der anderen Hand wartet. Vor dem Hintergrund der Biografie Steinkühlers erhält dieses Blatt eine dramatische Qualität, es ist das letzte Werk Theodor Steinkühlers, über das er in Briefen berichtet, dass ihn die Arbeit daran angestrengt und in seiner Genesung um Wochen zurückgeworfen habe.

 

Theodor Steinkühler: Die drei Lebensalter, Bielefeld 1920
Theodor Steinkühler: Die drei Lebensalter, Bielefeld 1920

 

Ein großer Verehrer der druckgrafischen Werke Steinkühlers war Heinrich Becker (Städtisches Museum Bielefeld). Er fasst dessen Bemühen zusammen, „...dass er in seinen graphischen Arbeiten, namentlich den Holzschnitten, mehr als in seinen Gemälden den Ausdruck für die Bewegtheit seiner Seele gefunden hatte“.